Das Mannschaftsfoto – die Visitenkarte des THW Kiel
Jeder will es haben. Die Journalisten drängen lange vor der Saison auf das Bild des Teams. Die Fans reißen es der Mannschaft bei der ersten Autogrammstunde förmlich aus den Händen. Auch bei Sponsoren ist es von elementarer Bedeutung. Auf der Homepage des THW Kiel genießt das Bild über die gesamte Spielzeit höchste Klickraten. Könnte man sie alle zählen, käme man auf Millionen von Blickkontakten, die einzig diesem Motiv gelten. Der hohe Aufwand bis zur finalen Fassung ist damit mehr als gerechtfertig. Doch war das nicht immer so. Und bei manch einem Handballverein hat es sich noch nicht rumgesprochen. Hier ein paar Hintergründe rund um die Visitenkarte im Profi-Handball:

Vom Shirt zum Werbeträger
Zu Beginn des Feldhandballs 1929/1930 hing das Mannschaftsfoto ausschließlich im Vereinsheim des THW Kiel e.V. – und sonst nirgendwo! Nur wenige Fans, selten die Presse und schon gar keine Sponsoren interessierten sich für das, was da gezeigt wurde. Das Begehren dieser Mannschaftsabbildung wuchs erst mit der Zeit. In den Jahren unterlag die Teamdarstellung durchaus unterschiedlichen Moden. So versuchte auch die vom THW Kiel beauftragten Fotografen, die Spieler immer wieder originell in Szene zu sezten. Wie man unschwer erkennen kann, litt die Prägnanz doch erheblich. Wurde doch sehr viel Raum auf die Inszenierung maritimer Atmosphäre verwendet. Erst mit den Jahren ist die Mannschaft und das Betreuerteam in den Focus der Linse und damit auch des Betrachters gerückt.
Ein Standard, der eigentlich keiner ist
Inzwischen etablierte sich ein Standard, der sich auch bei vielen Vereinen durchsetzte, jedoch keine Vorschrift ist. Die Teams werden in drei oder vier übereinander liegenden Reihen gezeigt, in denen die Torhüter mittig stehen und sich die Trikots der Trainer, Betreuer und Ärzte farblich von denen der Spieler abheben. Es entstand eine professionelle Choreographie, die, wie gesagt, nicht bindend ist und auch nirgendwo definiert wird.
Schnappschuss oder Fotographie
Dieser „freie” Standard empfiehlt sich aus vielerlei Hinsicht. Durch ihn wird eine optimale und für jeden Spieler gleichberechtigte Darstellung des Teams garantiert. Mit Hilfe des Mannschaftsfotos existiert ein hoher Wiedererkennungswert, der auch den dort platzierten Sponsoren zu Gute kommt. Doch häufig stecken die kleinen Unterschiede, die ein wirklich professionelles Bild ausmachen und von einem Schnappschuss unterscheiden im Detail. Anders gesagt, wer genau hinsieht, erkennt wie wichtig den Machern ihre Arbeit war. Oder eben doch nicht. Hier zwei Beispiele, wie man es besser nicht machen sollte:
Dieses Mal mussten/durften wir zwei Mal ran
Das Portrait des Teams des THW Kiel in dieser Saison sollte erneut der Maßstab der Liga sein. Das war der Anspruch, der sowohl an den THW Kiel als auch an uns gestellt wurde. Oder anders gesagt, das Bild soll dem hohen Niveau, auf dem die Mannschaft spielt, gerecht werden. Normalerweise gibt es fürs Mannschaftsfoto nur einen Versuch. Ein Tag im Jahr und alles muss sitzen.
Dieses Mal war alles anders. Durch die Neuverpflichtung von Daniel Narcisse hieß es für die Kieler „noch einmal bitte“, denn alle Spieler sollte ihren Platz auf dem Mannschaftsbild bekommen und keiner durch Abwesenheit glänzen oder gar mit einem miesen Passfoto in irgendeiner Ecke gequetscht werden (übrigens eine weit verbreitete Unsitte).
Mit hohem Aufwand wurde in den letzten Tagen und Wochen an dem neuen Mannschaftsfoto des THW Kiel gefeilt. Das Fotografieren der Spieler ist das eine, die Nachbearbeitungen durch unsere Profis das andere. Was alles machbar ist bei so einem Fotoshooting zeigt der Vorher-Nachher-Vergleich. Beim Mannschaftsbild des THW Kiel wurden fehlende Spieler und Betreuer ersetzt, zugekniffene Augen geöffnet, die Belichtung und Helligkeit des Bildes verändert und auch der Hintergrund modelliert.
Das einem bei so viel Arbeit auch mal die Maus durchknallen kann zeigt das letzte Bild. Angesichts des hohen Spielerausfalls sahen sich die Kreativen dazu hingerissen, das Championsleage Team von 2006 mal ganz unauffällig zu verstärken. Es lohnt sich genau hinzuschauen. Ich meine, ganz genau. Wer es dann immer noch nicht sieht, sollte sich mal fragen, wie viele Gesichter er eigentlich sieht, und wo die Betreuer geblieben sind

Man muss schon genau hinschauen - aber dann macht es richtig Spaß. Außerdem zeigt das Bild deutlich, wie sehr wir uns an die Art der Darstellung gewöhnt haben. So sehr, dass man uns unschwer etwas vorgaukeln kann.
Annika Stöllgers Schwerpunkte liegen bei den Themen Phänomene des Alltags, Sport-Marketing und Werbung im allgemeinen. Weitere Artikel dieses Autors.









