Die wahre Geschichte von Willi – gewidmet Carsten Bergmeier
Von Sascha Herbst am 27. März 2010
Vor mehr als 50 Jahren ging ein junger Mann, nicht sonderlich gepflegt gekleidet, aber regelmäßig zu den Übungsstunden des örtlichen Turnvereins. Seine Eltern waren arm und sein Leben sehr schlicht. Zwar war er ein kräftiger Bursche, aber mit der für einen Erfolgsturner notwendigen Beweglichkeit war er von Natur aus nicht gerade gesegnet – auch ansonsten fehlte ihm die eine oder andere motorische Fähigkeit, die gemeinhin als Talentkriterium im Turnen genannt wird. Doch im Verein traf er auf einen Trainer, der eine ähnliche Einstellung zum Leben und zum Sport hatte. Er arbeitete sich mit Fleiß und Willenskraft nach oben – er trainierte stets bis in die Nacht, da er tagsüber sein Geld als Elektriker verdiente – und er schaffte es bis in den deutschen Nationalkader. Doch das ist nicht der eigentliche Sinn dieser bemerkenswerten Geschichte. Das wäre zu simpel. 1968 bei den Olympischen Spielen von Mexiko wurde dieser, jetzt reife Mann, zum Helden und Vorbild einer ganzen Generation. Was war passiert?
Nach dem Pflichtturnen war Willi, so hieß er wirklich, hervorragend platziert. Das darauf folgende Kürturnen war seine Stärke. Als er am Ende seiner ersten Bahn zum Schraubensalto absprang, gab es einen lauten Knall und Willi lag auf dem Rücken.
Der Trainer stürzte auf das Podest und trug Willi herunter zur Mannschaft, wo der Mannschaftsdoc, ein sehr erfahrener Orthopäde, sofort einen Abriss der Achillessehne diagnostizierte. Arzt und Trainer wollten gerade den mexikanischen Betreuer auffordern, einen Krankenwagen zu bestellen, als Willi abwinkte und entschlossen verkündete: „Ich turne weiter!”
Der Trainer schaute ratlos zum Arzt und dieser stellte medizinisch nüchtern fest, mehr als durchreißen könne die Sehne nicht. Die Schmerzen kann ein nicht direkt Betroffener nur erahnen. Willi jedoch ließ keinerlei Diskussion aufkommen. Sein Team trug ihn zum Pferd und er turnte eine fehlerfreie Übung. Lediglich die Landung auf einem Bein wackelte etwas. Die Punktrichter gaben ihm beste Noten.
Das Publikum war damals von der Situation zutiefst ergriffen. Ob in der Halle oder am heimischen Fernseher. Da geschah etwas, was man für unmöglich gehalten hatte. Es ging nicht mehr darum, was oder wie dieser Mann da turnte. Er turnte nicht mehr für sich. Er turnte für seine Mannschaft, er turnte für die Unbeugsamkeit des Willens und des Mutes. Er turnte für das Leben und gegen die Dunkelheit. Er war bereit, Schmerzen zu ertragen, um eine Vollkommenheit zu erreichen, nach der wir uns alle so sehnen.
Willi turnte noch drei Übungen und verhalf seiner Mannschaft zu einem ansehnlichen achten Platz. Für Eberhard Gienger, den späteren Weltklasseturner, der das Geschehen am Fernseher verfolgte, ist dieser Willi das große Vorbild seines Lebens. Bis heute.
Und so liest sich die Geschichte bei Wikipedia:
Der deutsche Kunstturner Willi Jaschek war zwischen 1962 und 1970 in der Bundesrepublik Deutschland vierfacher Zwölfkampfmeister und errang je zwei Titel am Pauschenpferd, an den Ringen und am Barren. Insgesamt gewann er 32 Medaillen bei Deutschen Meisterschaften. Für den Deutschen Turnerbund bestritt er 31 A-Länderkämpfe. Mit der TSV Heusenstamm wurde er 1965 deutscher Mannschaftsmeister. Er nahm an drei Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko teil. Bei seiner Teilnahme 1968 errang er als „Held von Mexiko“ Berühmtheit, als er trotz eines bereits beim ersten Gerät, dem Bodenturnen, zugezogenen Achillessehnenrisses den Wettkampf beendete und so seiner Mannschaft einen guten achten Platz ermöglichte.
PS: Wir, das Team von DREIZUNULL, wünschen Dir, Carsten, vom Herzen eine gute und schnelle Genesung. Und wir staunen, was man alles so mit dem Laptop auf dem Schoß designen kann. Hut ab!

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