Mit Vodafone durch die ganze Welt oder “Du wirst nie mehr allein sein”

Von am 23. November 2010

Folgende Geschichte:

Stell’ dir vor, du bist eine junge Frau Mitte zwanzig. Es ist ein lustiger Abend mit den Mädels geplant. Der ist nun im vollen Gange. Ihr beschließt, nach Prosecco und Cocktails bei einer Freundin zuhause in die Lieblingsdiskothek weiterzuziehen. Dort ist die gesamte Clique richtig gut drauf, ihr tanzt und lacht und trinkt. Hier und da gibt es noch ein paar Prosecco mehr und im Großen und Ganzen sind die meisten Feiernden dort echt nett. Einigen männlichen Diskothekenbesuchern gegenüber ist die Mädelsrunde besonders aufgeschlossen und du selbst unterhältst dich etwas intensiver mit diesem einen Typen. Eigentlich ist der ganz nett, gibt auch sogar zwei, drei Drinks aus, und ihr lacht viel miteinander. Aber das war’s auch schon. Du bist ja mit den Mädels da und gehst dann auch wieder dazu über, mit ihnen tanzend den Abend zu beenden. Der Typ ist mehr oder weniger schnell vergessen.

Einige Zeit später. Plötzlich siehst du ein Foto von dir erst auf der Internetseite des lokalen Onlinestadtmagazins, dann in der ganzen Stadt: Als Plakat, in den Stadtzeitschriften, am schwarzen Brett in der Uni, als Flyer in Szenekneipen ausliegend, im offenen Kanal der Stadt über die Bildschirme flimmernd – kurz: du bist überall! Und unter dem Foto, das zugegebenermaßen so schlecht nicht ist, bloß – WER hat das WOHER? – steht: “Wo bist du?”

Plötzlich siehst du überall Leute, die sich nach dir umdrehen, dich auf das Foto ansprechen, die sogar T-Shirts mit deinem Foto als Motiv tragen und du hörst, dass du sogar über die Stadtgrenzen hinaus bekannt bist, irgendwie wird das Foto nun in Windeseile in ganz Deutschland verbreitet. Und immer mit dem: “Wo bist du?”

Wer will das wissen? Wer verfolgt mich? Was ist passiert? Warum ein solcher Aufstand? Du fühlst dich überall beobachtet, angestarrt, verfolgt, eingeengt und willst auch gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Zu groß die Befürchtung, dass du dein – inzwischen in deiner Wahrnehmung zur Fratze verzerrtes – Konterfei schon wieder irgendwo siehst, dass du wieder angesprochen wirst. Und noch schlimmer der Gedanke: Habe ich einen Stalker? Muss ich die Polizei rufen? Und kann ich überhaupt bei Dunkelheit noch auf die Straße gehen?

Mittlerweile ahnst du auch schon, wer dir das angetan hat. Der Typ aus der Disko neulich, mit dem du dich eine kleine Weile unterhalten hast. Offenbar hat er sich total in dich verguckt und dich beim Tanzen mit seinem Handy fotografiert. Jetzt lässt er auf der Suche nach dir scheinbar nichts unversucht. Du bist dir ziemlich sicher, dass er schon eine “Wo bist du?”-Gruppe bei Facebook gegründet hat. Das darf doch bitteschön nicht fehlen. Denn ohne Facebook geht doch inzwischen gar nix mehr – und Facebook hat 500 Millionen User …

Nachts träumst du, dass du dein Foto in den TV-Nachrichten siehst, mit einem Aufruf an alle Deutschen, dich zu suchen und mit dem Versprechen eines Finderlohns in Höhe von 20.000 Euro.. Davon, dass dir tagsüber die Menschen auf der Straße hinterherlaufen. Es werden immer mehr. Sie haben alle das Foto von dir auf ihren Handys, auf ihrer Kleidung, als Maske vorm Gesicht. Sie treiben dich immer tiefer in enge Straßenschluchten … Du wachst auf und weißt, das wird dich eine ganze Weile nicht in Ruhe lassen …

Eine solche Geschichte erzählt Vodafone in seinem aktuellen TV-Spot. Nur nicht ganz so albtraumhaft. Eigentlich überhaupt nicht. Jedenfalls nicht beim ersten Hinsehen. Die Geschichte wird romantisch-verklärt erzählt. Untermalt mit einem heiter-atmosphärischen Song (Pluspunkt: „We are the people“ von Empire of the Sun) nimmt die Story den Zuschauer mit auf die Reise durch die Welt der digitalen Möglichkeiten. Was ist da noch Google!?

Sogar Hamilton ist bei der "Großen Suche" mit dabei

Tom sucht nämlich seine Jugendliebe Anna und setzt dabei die ganze Welt in Bewegung. Dazu nutzt er das Netz von Vodafone, um ein abfotografiertes Polaroidfoto von Anna mit der Unterschrift “Where are you?” zu verbreiten. Anna ist weltweit in jedem denkbaren Format zu sehen. In Übergröße als LED Jumbo Sign auf dem Times Square in New York, auf einem Konzert in (höchstwahrscheinlich) Tokio, irgendwo im Himalaya (oder so), in einer Kunstausstellung in Paris (oder Barcelona), auf Hauswänden in Südamerika … und auf T-Shirts in Hongkong. Dort, wo sich Anna offenbar aufhält. Jedenfalls ist sie am Ende des TV-Spots auf den überfüllten Straßen der Metropole zu sehen. Aber ob Tom sie tatsächlich gefunden hat, wird nicht ganz klar. Ob es ihr zu wünschen wäre? Ist man eingelullt von der romantischen Dramatik, würde man wahrscheinlich ohne Umschweife “JA!” brüllen, denn die müssen sich doch finden! Was der nicht alles für sie tut!! Und hässlich ist er auch nicht! – Denkt man mal ein wenig darüber nach, was der armen Frau eigentlich angetan wird, ohne ihr Wissen und Einverständnis, und darüber, was für ein besessener Mensch Tom schon irgendwie sein muss – würde man vielleicht eher sagen: “Äääh, NEIN!” Da verwundert ein wenig ihre Antwort: “I’m here!”, die sie daraufhin per Antwortfoto den ganzen Weg zurück durch die Welt schickt, dann doch ein wenig. (Allerdings – wo ist “here”? Woher soll Tom das wissen? Sehr gut, sie hält sich dann doch noch ein Stück weit bedeckt.)

Bei Vodafone heißt das Ganze “Die große Suche”. Dazu gibt es ein Gewinnspiel, bei dem jeder Teilnehmende mithelfen kann, Anna zu finden und aber vor allem die Chance hat, eines von 100 LG Optimus Windows 7 Phones zu gewinnen (übrigens auch eine Weltreise). Mit diesem Handy kann man bestimmt richtig gut Fotos machen und an jeden versenden, den es auch nur im Entferntesten interessiert.

Positiv hervorzuheben ist die Songauswahl für die Kampagne. Empire of the Sun schlagen mit ihrem “We are the people” eine entspannt-poppige Gute-Laune-Saite an und sind die eigentlichen Gewinner der ganzen Sache. Veröffentlicht im Jahre 2009 war der Song eigentlich schon wieder raus aus dem Charts-Dauerschleifen-Programm der Radiosender. Der Vodafone-Spot katapultierte ihn mit Start der Kampagne am 27. Oktober 2010 auf Platz 1 der deutschen iTunes-Charts. Im November 2010 landete der Song nur eine Woche nach dem Einstieg in die deutschen Single-Charts auf Platz 3.

Gut, man kann es so oder so sehen. Bestimmt kann man die Funktionen und Möglichkeiten einer solchen Technologie auch so deuten, dass vielen Menschen geholfen werden könnte, wenn es möglich wäre, die Suche z. B. nach einem Verschwundenen derartig schnell und global zu gestalten. Eine große Masse an Menschen könnte erreicht werden, sehr viele könnten helfen. Doch andererseits – wer will denn in einem solchen Ausmaß und ohne eigenes Zutun publiziert werden?! Wo soll das hinführen? Kann jetzt jeder mit deinem Foto machen, was er möchte? Hat man sich nicht schon öfter gegen den laxen Datenschutz bei Facebook gewehrt oder zumindest wehren wollen? Klar ist so eine Story immer fiktiv, aber was alles möglich ist bzw. zeitnah werden wird, was man alles anstellen kann mit einer solchen Technologie, wie Vodafone sie vorführt – das will man sich lieber nicht ausmalen. Privatsphäreeinstellungen à la Facebook (…) – Fehlanzeige.

Schluss mit lustig – Irgendwo sollte es doch auch mal eine Grenze geben. Finde ich.

Und hier der TV-Spot in seiner vollen Länge:

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